Das darwinistische Selektionsprinzip
Was Darwin noch nicht
wußte ist, daß jeder Selektion eine Phänotypenselektion vorausgeht. So steigt
auch ganz ohne jede Selektion die Zahl der Homozygoten mit jeder Generation
an, während die der Heterozygoten von Generation zu Generation abnimmt. Die
Unordnung wird durch die eigentliche Vererbung also geringer, da ein System
mit größerer Ordnung entsteht, welches mit einem Entropieverlust
einhergeht, bei dem Kreuzprodukte mit jeder Folgegeneration seltener auftreten. Erst durch die
eigentliche darwinistische Selektion, die stets zu Lasten eines oder mehrerer
Phänotypen geht, wird am Ende wieder der Heterozygote bevorzugt, was dann aber
mit einem Entropiegewinn einhergeht. Der Bastard
ist also, ganz wie von einer Normalverteilung zu erwarten, der am besten Angepaßte,
was insofern auch mit der Natur in Einklang steht, als die Entropie stets
zunehmen muß. Letzteres hat wiederum nichts mit unserer verklärten
Vorstellung von einer idealen Welt zu tun. Unsere Welt ist nämlich
keineswegs die beste aller möglichen, wie der Philosoph Immanuel
Kant einmal gemeint hat, sondern eine ziemlich mißlungene
Fehlkonstruktion, die nichts mit Gott zu tun hat, jedenfalls nicht,
wenn wir uns zu Gemüte führen, was die Naturgesetze auf dem Wege der
Vererbung alles anrichten. Wir nähern uns dieser Erkenntnis
schrittweise:
Nehmen wir als
Beispiel zwei Merkmale, ein weißes und ein schwarzes. Tritt bei
jedem Elternteil eines dieser Merkmale ausschließlich auf, so nennen
wir ihn homozygot. Besitzt jeder Elternteil von jeder Sorte je ein
Merkmal, so ist er heterozygot. Nun müssen wir den beiden Allelen
(so nennt man Merkmale in der Genetik) noch ein Gegensatzpaar
zuordnen, z.B. groß-klein, stark-schwach, klug-dumm, schön-häßlich,
gesund-krank, um nur einige zu nennen. Bei zwei reinerbigen Eltern
(Abb. 1) vererben sich diese Merkmale statistisch so, daß sämtliche
Nachkommen der Kind-Generation mischerbig sind, d.h. heterozygot.


Abb. 1: Eltern-Kind-Generation bei zwei reinerbigen Elternteilen
In
allen weiteren Generationen (Abb. 2) nimmt der Anteil der
Homozygoten immer mehr zu, der der Heterozygoten nimmt ab.
P,
Q
und H
sind die relativen Häufigkeiten, wenn über sämtliche Kinder summiert
wird. Es entsteht mehr Ordnung im System, im Grenzfall unendlich
vieler Generationen überleben nur die Homozygoten beider Merkmale,
die Bastarde sterben aus.

Abb. 2: Neun Erbfolgegenerationen bei zwei reinerbigen Elternteilen
(ohne Selektion)

Nach den Mendelschen Regeln würden es beispielsweise beim
Gegensatzpaar groß-klein am Ende nur Große und Kleine geben,
Mittelgroße hingegen würden völlig fehlen. Die Spreu würde sich
selbständig vom Weizen trennen, was gänzlich der alltäglichen
Erfahrung zuwiderläuft, denn im Mittel gibt es eben mehr Mittelgroße
als Große und Kleine. Die Größenverteilung gehorcht (wie übrigens
auch alle anderen genannten Eigenschaften) einer Gaußschen
Normalverteilung mit Mittelwert und Standardabweichung. Der Grund,
daß es zu dieser Verteilung kommt, ist die darwinistische Selektion,
bei der aber – und hierin müssen wir Darwin entschieden
widersprechen – nicht die Besten überleben, sondern allenfalls die
am besten Angepaßten. Um die Selektion zu modellieren, müssen wir
annehmen, daß sich zwei gleichartige Homozygote keine Kinder
hinterlassen, weil sie erst gar keine geschlechtliche Verbindung
miteinander eingehen. In unserem Fall sollen also zwei Große
ebensowenig wie zwei Kleine Kinder miteinander zeugen, ein Großer
und ein Kleiner hingegen dürfen es (Gegensätze ziehen sich an,
Gleichartiges stößt sich ab wie gleiche Ladungen). Unter dieser
Voraussetzung ergibt sich eine Generationenfolge wie in Abb. 3.
Sämtliche Phänotypen streben einem Grenzwert zu, aber dieser liegt
für die Homozygoten deutlich niedriger als für die Heterozygoten.
Keiner der Phänotypen stirbt aus, jeder kehrt ewig wieder, die
Verteilung bleibt stationär, das Maximum liegt bei den Mischlingen,
die Entropie nimmt infinitesimal zu.

Abb. 3: Neun Erbfolgegenerationen bei zwei reinerbigen Elternteilen
(mit Selektion)
Dasselbe Verhalten
beobachten wir auch unter anderen Ausgangsbedingungen, etwa bei der
Elternkonstellation in Abb. 4. Die Kinder zweier mischerbiger
Elternteile sind im Verhältnis 1:2:1 homozygot schwarz, heterozygot
schwarz-weiß und homozygot weiß.
Abb. 4: Eltern-Kind-Generation bei zwei mischerbigen Elternteilen
Auch hier erfolgt nach den Mendelschen
Regeln zunächst ein Entropieverlust durch Phänotypenselektion, die
Homozygoten beider Ausprägungen überleben nach unendlich vielen
Generationen, die Bastarde sterben aus (siehe Abb. 5).



Abb. 5: Die Erbfolgegenerationen bei zwei mischerbigen Elternteilen
(ohne Selektion)
Läßt man wieder darwinistische Selektion zu, so streben sämtliche
Phänotypen genau demselben Grenzwert zu wie im Falle der Vererbung
bei reinerbigen Eltern (Abb. 6).

Abb. 6: Die Erbfolgegenerationen bei zwei mischerbigen Elternteilen
(mit Selektion)
Schließlich müssen wir noch den Fall diskutieren, was passiert, wenn
ein Elternteil reinerbig ist, der andere hingegen mischerbig wie in
Abb. 7 dargestellt.
Abb. 7: Eltern-Kind-Generation mit je einem rein- und einem
mischerbigen Elternteil
Die Phänotypenselektion führt wie gehabt
zum Aussterben der Heterozygoten, wobei nur das Verhältnis der
beiden Homozygoten asymmetrisch ist, so daß derjenige Homozygote,
welcher über weniger Allelanteile verfügt, auch langsamer zunimmt.
Aber am Ende haben wir auch bei der asymmetrischen Verteilung einen
eindeutigen Entropieverlust zu verzeichnen (siehe Abb. 8).
Abb. 8: Die Erbfolgegenerationen bei einem rein- und einem
mischerbigen Elternteil (ohne Selektion)
Im Falle der darwinistischen Selektion
(Abb. 9) stellt sich auch die endgültige Verteilung asymmetrisch
ein. Doch weil neben der aufgezeigten statistisch auch die andere
Möglichkeit besteht, daß nämlich drei schwarze Allele und ein weißes
in der Grundgesamtheit enthalten sind, gleicht sich diese Asymmetrie
im Mittel aus und es entstehen die gleichen Symmetrieverhältnisse
wie bei den symmetrischen Verteilungen.
Abb. 9: Die Erbfolgegenerationen bei einem rein- und einem
mischerbigen Elternteil (mit Selektion)
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